Identität und Vermögen: Verantwortung ist nicht vererbbar

Keine Kategorie zugewiesen.
zurück zu Perspektiven
05/2026

«Relatos Salvajes” (Wild Tales, Damian Szifron, 2014), ist ein Film mit sechs in sich geschlossenen Geschichten. In «La Propuesta» (Der Deal) folgt die Kamera einem jungen Mann, der in Buenos Aires mitten in der Nacht mit dem Auto seiner vermögenden Eltern eine schwangere Frau anfährt und Fahrerflucht begeht. Die Frau und das ungeborene Kind versterben und rasch führt die Spur ins Haus des Täters, der noch bei seinen Eltern wohnt. Dessen Eltern schmieden unterdessen mit ihrem Anwalt den Plan, für den Preis einer halben Million US-Dollar den Gärtner als Täter vorzuschieben. Der Staatsanwalt durchblickt jedoch rasch das abgekartete Spiel, worauf der Familienanwalt den Staatsanwalt ebenfalls mit Geld kaufen will. Der Sohn will nun aber Verantwortung übernehmen und der erbosten Menschenmenge vor dem Haus mitteilen, dass er die Frau angefahren hat. Sein Vater, frustriert über das Feilschen, ist damit einverstanden, dass sein Sohn das Verbrechen zugibt. Der Familienanwalt gibt aber nicht auf, verhandelt mit dem Gärtner und dem Staatsanwalt einen neuen Preis. Der Gärtner wird abgeführt und auf dem Weg zum Polizeiauto vom Mann der verstorbenen Frau hingerichtet.  

Diese tragische Novelle zeigt in extremis auf, wie eine Familie mit den notwendigen finanziellen Mitteln und Verbindungen zu verhindern versucht, dass ihr Sohn Verantwortung für seine Taten übernimmt. Bei näherer Betrachtung ist nicht nur der Unfall für die Frau, ihr ungeborenes Kind und die Angehörigen eine Katastrophe, sondern auch für die Zukunft des jungen Mannes, dem man in einer Grenzsituation verwehrt, vor dem Gesetz so zu sein, wie alle andern auch. Wird es ihm jemals gelingen, ein eigenständiges, unabhängiges und verantwortungsvolles Leben zu führen, wenn ihm die Eltern jegliche Hürden und Hindernisse aus dem Weg räumen? Als Eltern zuzulassen, dass die Nachkommen für ihre Handlungen Verantwortung übernehmen, hat nichts mit Liebesentzug zu tun, sondern fusst auf elterlicher Begleitung ab Geburt des Kindes, mit dem Ziel, dass sie sich mit dem Erwachsenwerden überflüssig macht.  

In einer finanziell und gesellschaftlich gut situierten Familie aufzuwachsen, ist ein Privileg, das man nutzen kann. Es gibt dafür genügend positive Beispiele, sei es in der Firmenübernahme oder -gründung, gemeinnützigen Tätigkeiten, der Philanthropie, Impact Investments oder dem Kauf von Wohneigentum. In jungen Jahren in einem luxuriösen Haushalt aufzuwachsen, birgt aber auch die Gefahr, diesen Stil, einmal erwachsen, mit eigenen Mitteln fortführen zu wollen. Und das geht meistens schief, weil auch mit einer guten Ausbildung der erste Job nicht so hoch dotiert sein wird, um diese Lebenskosten zu bewältigen. «Die Familie führt einen Lebensstil, den die Nachkommen später auch mit eigenen Mitteln fortführen können und der Kontakt zu anderen sozialen Schichten zulässt.» (Von Geld und Werten, Frey/Stamm, NZZ Libro, Seite 157). Dies war eine der wichtigsten sieben Erkenntnisse, die sich aus den Interviews mit der älteren Generation von vermögenden Familien ergeben haben. Wenn Haben vor Sein steht, wird es der jungen, heranwachsenden Generation schwerer fallen, ihre eigene Identität aufzubauen und für ihre Werte und Überzeugungen einzustehen. Gerade auch dann, wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen. Deshalb scheint es uns wichtig, dass das angedachte und sicherlich wohlgemeinte elterliche Drehbuch, welches sich Eltern für ihre Kinder ausgedacht haben, an der Realität scheitern darf. Wenn die selbstständig gewordene Generation aus eigenem Antrieb und Verdienst die Wohnungsmiete, die laufenden Kosten, Steuern und die Ferienreise berappen kann, stärkt das das Selbstvertrauen, auch wenn das Reisebudget ein anderes ist als früher. Und die Nachkommen werden ein glücklicheres Leben führen können, wenn sie ihrer Berufung nachgehen können, als wenn sie auch noch mit dem Testament erzogen – oder vielmehr, auf Linie gebracht- werden. Immer mehr Familien, mit kleinem oder grossem Vermögen, entscheiden sich deshalb, den Nachfolgeprozess rund um das Vermögen frühzeitig zu beginnen. Er hat eine höhere Chance auf Erfolg, wenn man ihn als Eltern mitgestalten kann. Und den Nachkommen erleichtert es die Entwicklung ihrer eigenen Identität.

Marcuard Family Office begleitet als Multi-Family Office Familien im Vermögens- und Generationenübergang. Der Autor hat mit Eugen Stamm zu diesem Thema die Bücher «Von Geld und Werten» (NZZ Libro, 2019) und «Erbe als Verantwortung» (NZZ Libro, 2025) geschrieben.  

Jorge Frey

Head Family Governance, Senior Partner